15.12.2007 / 4 Kommentare

Jugendliche sind Pornoterroristen

Wir waren 12 oder 13. Wir haben die Mädchen beim Tischtennis gewinnen lassen, um einen Kuss zu bekommen. Wir haben uns in Gebüschen versteckt, um zu knutschen. Wir haben uns in Kellergänge zurückgezogen, um zu fummeln. Wir haben erkundet, was Mädchen von Jungen unterscheidet. Wir haben Verbindungspunkte entdeckt, ohne es unbedingt zu verstehen. Wir haben Explosionen im Kopf – und nicht nur im Kopf – erlebt, ohne zu wissen, was los ist. Wir haben vor Freunden voll von Stolz geprahlt, wie der Kuss, wie der Gang in den Keller war. Auch damals gab es Ausreißer, die gleich das ganze Programm wollten, die einfach weiter waren, als wir. Das alles in einem anderen Land, aber es war nicht minder neu und aufregend. Das Entdecken der Welt, das Entdecken der eigenen Umwelt in persona des anderen Geschlechts ist so alt wie die Welt selbst, für den der es erlebt aber ganz neu.

Das alles war vor gut 20 Jahren, einer kleinen Ewigkeit her, unser Weg, die Welt der Lust und Liebe zu entdecken. Auch heute noch geht jeder den Weg, durch Erleben und Erfahren, die Welt und die eigene Umwelt jeden Tag ein kleines bisschen mehr zu verstehen. Mit jedem noch so kleinen Schritt erfährt so auch jeder mehr über sich selbst. Das ist heute wie damals gleich, wahrscheinlich schon seit Menschengedenken so und wird wohl, wenn denn der Mensch sein Menschsein nicht verliert, auch ewig so bleiben.

Die Mittel und Wege indes haben sich geändert. So wie sich auch die Gesellschaft verändert. Was früher die Tischtennisplatte war, ist heute das Internet. Die neuen technologischen Möglichkeiten eröffnen auch den Entdeckern von Lust und Liebe neue Wege. Was früher das scheue Zeigen im Keller, ist heute das unscheue Posieren vor einer Webcam oder irgendeinem anderen fotoknipsenden Gerät. Wie sagte schon Uropa Willi: die Zeiten ändern sich. Auch heute gibt es sie, die Ausreißer, die dort sind, wo sie besser nicht sein sollten. Doch es sind eben Ausreißer, Jugendliche, die z.b. “ungewöhnlich” reif für ihr Alter sind. Genauso gibt es auch Erwachsene, die wandelnde Reifekatastrophen sind.

Was die Politik nun mit Verschärfung des Sexualstrafrechts (aufgrund einer EU-Vorgabe) plant, ist, sich mit gesetzlichen Verboten einzubringen, die einer Kriminalisierung bereits von sich harmlosen Zärtlichkeiten austauschenden Jugendlichen entspricht. Eine Art von Politik, wie man sie in den letzten Monaten um die Vorratsdatenspeicherung erleben durfte und die sich eigentlich schon seit mehreren Jahren mehr und mehr etabliert: Eine Politik der Verbote.

Bedenkt man, dass für den Gesetzestext einige Formulierung ausgerechnet von einem sehr umstrittenen US-amerikanischen Gesetz übernommen worden sind und bezieht die Überlegungen einer Sexualstraftäterdatei in Deutschland ein, so ist zu befürchten, dass die Bundesregierung in ihrem Versuch, Kinder und Jugendliche zu schützen, weit über das Ziel hinausschießt und somit nicht zuletzt auch die Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen zunimmt – da ja für den Täter kein Mindestalter mehr vorgesehen ist. Einem deutschen Fall Raoul stünde somit nichts mehr im Wege. -> Telepolis.de

Jugendliche derart zu stigmatisieren bzw. zu kriminalisieren, ist ein Schritt ins vorletzte Jahrhundert. Und jeder Jugendliche sollte ungeachtet dieses Gesetzes, welches übrigens noch diese Woche durch den Bundestag gewinkt werden sollte, aber gestern kurzfristig von der Tagesordnung gestrichen wurde, weiterhin seinem Drang des Entdeckens, Erlebens und Erfahrens folgen.

Lesenswerte Links zum Thema:
-> Starker Anstieg der Kinderpornographie im Netz erwartet
-> Gefährliche Liebschaften
-> Küssen verboten! Wie die Regierung unsere Sexualität regeln will

4 Kommentare vorhanden

  1. geschrieben am 15. December 2007 um 15:31 Uhr | Permalink

    dabei kam mir meine tischtenniserfahrung so einzigartig vor :(

  2. tech
    geschrieben am 17. December 2007 um 07:12 Uhr | Permalink

    Es gab viele Tischtennisplatten.
    Eigentlich gab es nur Tischtennisplatten. :)

  3. geschrieben am 17. December 2007 um 11:08 Uhr | Permalink

    Vor 20 Jahren war ich ein Tischtennis Ass… Deswegen wollte nie eine mit mir knutschen ;)

  4. tech
    geschrieben am 17. December 2007 um 23:46 Uhr | Permalink

    Tischtennis hat ja auch Spaß gemacht ;)

Einen Kommentar schreiben

oder einen Trackback hinterlassen: Trackback URL

Name und Email-Adresse bitte immer eintragen. Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.



  

nach oben