Film / 22.07.2009 / 2 Kommentare

Die fetten Jahre sind vorbei

TV-TIPP: Heute 20:15 Uhr ARD
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Regie: Hans Weingartner – Österreich/Deutschland – 2004

“Das ist nur ein Spielfilm!” rief ich hinterher. Neulich, vor 324 Tagen, stand ich am Schaufenster von Fernseh Schulze. Auf einem der vielen Fernseher liefen Ausschnitte aus verschiedenen Filmen. Trailer vielleicht. Neben mir am Schaufenster der angrenzenden Modeboutique stand ein älteres Ehepaar. Den Wortfetzen nach sinnierten die beiden über die aktuelle Kollektion nebenan. Allerdings fielen ihre Blicke immer mal wieder auch auf das Fernsehgerät mit den Filmausschnitten.

Unruhe kam auf. Die eben noch so bewunderte Modekollektion schien zunehmend unwichtig zu werden. Der Ton ihrer Stimme veränderte sich. Plötzlich zupfte sie unruhig am Ärmel ihres Mannes und meinte ganz nervös zu ihm: “Du Heinz, wir müssen sofort nach Hause fahren!” Getuschel. Heinz schaute um sich. Die ganze Dramatik der Ereignisse, die sich zeitgleich auf dem Fernseher im Schaufenster abspielten, zeigte sich in seinem Gesicht. Er nahm seine Frau bei der Hand und beide entfernten sich zügigen Schrittes in Richtung Parkplatz. Ich drehte mich verwundert um und rief noch hinterher: “Das ist nur ein Spielfilm!”.

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Das der Reichtum dieser Welt ungerecht verteilt ist, dürfte eigentlich allen Menschen klar sein. Viele sind selber nachteilig von dieser Ungerechtigkeit betroffen. Wie man dies ändern könnte, ist vielen jedoch nicht klar. Die beiden Freunde Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) haben ihren eigenen Weg gefunden. Sie brechen Nachts in Villen ein. Ihr Wissen über Alarmanlagen kommt ihnen dabei oft zugute. Jan und Peter klauen jedoch nichts bei ihren Einbrüchen. Sie verrücken nur die Möbel, verstecken Gegenstände und hinterlassen Botschaften: “Die fetten Jahre sind vorbei” oder “Sie haben zu viel Geld”, unterzeichnet mit “Die Erziehungsberechtigten”.

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Jule (Julia Jentsch, ganz wunderbar), die Freundin von Peter hat derweil ganz andere Probleme. Durch einen Verkehrsunfall und einer nicht bezahlten KfZ-Versicherung hat sie sich hoch verschuldet. Sie muss einen sechsstelligen Euro-Betrag abbezahlen und kommt dadurch fast zwanghaft mit ihren Mietzahlungen für die Wohnung in Verzug. Die Räumungsklage steht ins Haus und sie muss raus aus ihrer Wohnung. Sie zieht zu ihrem Freund Peter, der mit Jan in einer WG wohnt. Jule weiß nichts von den nächtlichen Aktionen der beiden. Erst als sie und Jan, der ihr beim Renovieren ihrer Wohnung hilft, sich näher kommen, erfährt sie von den Einbrüchen. Sie kann Jan dazu überreden, sie auf eine Tour mitzunehmen. Er fährt mit ihr durchs Luxusviertel und zeigt ihr all die Villen, in die Peter und er schon eingestiegen sind. Ihr Weg führt sie dabei am Domizil von Justus Hardenberg (Burghart Klaußner) vorbei, dem Unfallgegner von Jules folgenschwerem Verkehrsunfall. Jule möchte unbedingt sehen, wie der Mann lebt und überredet Jan, dort einzusteigen. So nimmt die ganze Dramatik dieser Geschichte, dieses kleinen Revoluzzertums ihren Lauf.

“Die fetten Jahre sind vorbei” ist einer der besten deutschen Filme die letzten Jahre. Die Meinungen gehen da auseinander. Aber das tun sie ja fast bei jedem Film. Dieser Film, der zweite Wurf von Regisseur Hans Weingartner (“Das weiße Rauschen”) lässt wieder frisches Blut in verdörrte Revoluzzer-Blutbahnen strömen. Gewiss, Revolutionen sind schwer geworden. Und am Ende scheinen dann sowieso alle am Fressnapf des Kapitalismus zu landen. Angepasst und ohne Ideale. Doch Ideale, frisch, unbekümmert und voller Energie braucht es immer. Damit es Reibungspunkte gibt und damit die Selbstreflexion einer Gesellschaft funktioniert. Sehr wichtig. Das vielleicht ist der Wink dieses, mit tollen Schauspielern besetzt, wunderbaren Filmes. Nur ein Spielfilm…

(Original-Artikel vom 24.05.2007)

2 Kommentare vorhanden

  1. n3tcr4sh
    geschrieben am 23. July 2009 um 11:28 Uhr | Permalink

    Nach solchen Filmen bin ich immer ganz verstört, Baader-Meinhof-Komplex war in dieser Hinsicht ganz ähnlich.
    Wie war das von Nietzsche nochmals? “Denken ist leiden.”

  2. tech
    geschrieben am 23. July 2009 um 16:30 Uhr | Permalink

    Ja. Ich muss sagen, mich “stößt” der Film auch nach dem fünften Anschauen noch an. Aber das ist ganz gut so.
    Nietzsche hat leider recht. Das bestätigen schlichte Gemüter immer wieder aufs Neue. Meistens geht es denen damit auch noch besser, als den (Nach)-Denkern. :-)

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